Heute sind die Flüchtlinge zu mir gekommen

Bisher war man in Villach ja in einer bequemen Position. Die Flüchtlings-Problematik hatte Kärnten kaum erfasst. Man weinte, so man zur Empathie fähig ist, maximal über Ungarn. Oder über Nickelsdorf.

Heute, Montag, endete diese Distanz-Betroffenheit. Plötzlich hieß es: bis zu 600 Flüchtlinge sind im Bus von Wien nach Villach unterwegs. Sie werden im Stadtteil Seebach in großen Garagen untergebracht. Und damit zu meinen Nachbarn. Ich lebe – Luftlinie – 500 Meter entfernt. Aber dazu später.

Zunächst galt es, die Druckmaschinen anzuhalten. Die Villach-Ausgabe der Kärntner WOCHE war eigentlich schon fertig, die 64 Seiten im Belichtungsmodus. Aber ohne die Flüchtlingsstory erscheinen? Eben.

Ich aktiviere meine Kontakte im Magistrat und in der Landesregierung, die spärlichen Erstinformationen verdichten sich zu einer wasserdichten Story. Online first, Artikel raus, schneller als die Kollegen. Überraschend, schließlich bin ich eine One-Man-Show.

Dann Print. Titelseite neu, Doppelseite neu, Kommentar neu. Ich funktioniere wie in alten Tageszeitungs-Zeiten. Gut zu wissen.

Schließlich ab zu den Garagen am anderen Ende der Stadt. Eindrücke sammeln, Bilder machen. Es regnet. Der ORF ist schon da, sonst keine Journalisten. Ich fotografiere, bediene Twitter. Hunderte Flüchtlinge – Männer, Frauen, Kinder, Babys. Was die freiwilligen Helfer von Rotkreuz und Feuerwehr geschafft haben, verdient Respekt: Von der Erstinfo bis zum Eintreffen der Flüchtlinge waren es nicht einmal drei Stunden. Dennoch wurde eine Halle gefunden, ausgeräumt, gereinigt und mit hunderten Feldbetten bestückt. Ärzte waren da; die gerade erst wenige Tage zuvor erfolgte Gründung eines syrischen Kulturvereins in Villach macht sich bereits bezahlt: 15 Dolmetscher stehen zur Verfügung. Dann kommen die Flüchtlinge in den Bussen.

Alles läuft extrem koordiniert und ruhig ab. Essen, Getränke, Kleidung, WC-Papier, Binden – es fehlt an nichts. Außer Zigaretten und WLAN. Aber auch das wird noch kommen. Apropos noch kommen: Was nun bevorsteht, weiß keiner. Weder Landeshauptmann Peter Kaiser, noch Villachs Bürgermeister Günther Albel haben eine Ahnung, wie lange die Flüchtlinge in Villach bleiben sollen. Zumindest Albel schien aber Vorbereitungen getroffen zu haben. Erst vor einer Woche gab es eine Sitzung mit den Chefs aller Hilfsorganisationen mit der zentralen Frage, was man für den Fall der Fälle tun müsste. Auch die Garagen waren vorab gecheckt. Der Unternehmer hatte sie – für Notfälle – der Stadt angeboten.

Ein junger Afghane (25?) spricht mich an. Wo er hier eigentlich sei. Wie weit es nach Deutschland sei. Oder nach Frankreich. Dort hätte er einen Bruder. Als ich ihm sage, dass sich die Garagen nur einen Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt befinden, mit direkter Zugverbindung nach Deutschland, erhellt sich seine Miene. Ich sage ihm, dass er damit rechnen muss, dass ihn weder in Deutschland noch in Frankreich irgendwer mit offenen Armen empfangen wird. Er versteht nicht. Ich sage ihm, dass hunderttausende Flüchtlinge vor ihm nach Deutschland gelangt wären. Er scheint das nicht gewusst zu haben. Er wirkt verzweifelt. Ob ihm etwas fehle, frage ich. Ja, Zigaretten, sagt er. Ich verspreche, mit Zigaretten zurückzukommen. Ich lasse mich zu einem Automaten fahren. Erstmals in meinem Leben schlage ich mich mit so einem Zigarettenautomat herum. Was für eine Trottel-Erfindung! Drei Packungen Camel, das muss reichen. Ich fahre zurück, mein Freund wartet auf mich, er reißt eine Packung auf und steckt sich eine Zigarette an. Ob Frankreich oder Deutschland besser sei, will er wissen. Ich habe keine Ahnung.

Er erzählt mir von seiner Flucht-Route: Über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn ist er nach Österreich gekommen. Seit zwei Monaten ist er unterwegs. In seiner Heimat, in Afghanistan, könne man nicht mehr leben: „Die Taliban sind verrückt.“ Im Iran und in Bulgarien sei er von der Polizei geschlagen worden, in Österreich werde er am besten behandelt. Dann muss er in den Bus, denn die Afghanen werden ein paar hundert Meter weiter in ein anderes Quartier gebracht. Getrennt von den Syrern. „Besser so“, sagt ein Dolmetscher.

Ich gehe im Regen nach Hause. Es sind nur ein paar Minuten zu Fuß. Ich bin völlig durchnässt, ich habe meinen Schirm verloren, mein linkes Bein schmerzt wieder einmal. Aber das ist alles egal. Denn das Entscheidende ist: ich gehe NACH HAUSE.

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2 Kommentare zu „Heute sind die Flüchtlinge zu mir gekommen

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