„Ihr habt uns wie Menschen behandelt“

Bido heißt nicht so. Er nennt sich nur so. „Sicher ist sicher“, sagt er. Da er einen Facebook-Account habe und die Politik in seiner Heimat Syrien scharf kritisiere, sei es besser, im Internet unter falschem Namen zu leben. Auch für diese Story sei es besser, mit falschem Namen genannt zu werden. Fotos? „Kein Problem, ich bin weit weg von Syrien.“

Seit Montagabend ist Bido in Villach. Er will hier bleiben, wird einen Asylantrag stellen. „Das muss das schönste Land der Welt sein“, sagt er über Österreich: „Hier wurden wir zum ersten Mal mit Respekt behandelt.“ Wir, das ist eine Gruppe von knapp 30 Flüchtlingen, die sich am Weg nach Europa gefunden hat und die zusammengeblieben ist. Bido war ihr Sprachrohr. Der 20-Jährige hat in Damaskus seine Schule abgeschlossen und spricht ausgezeichnet Englisch. Er hat jeden Ort, jede Route, die sie genommen haben, in seinem Kopf abgespeichert. Er kennt die Namen der politischen Oberhäupter in den Ländern, die er durchquert hat. Er weiß, was die „Dublin-Verordnung“ besagt. Er ist ein kluger Kopf. Kaum 30 Stunden in Villach, hat er sich bereits von einer Helferin die wichtigsten Begrüßungsfloskeln auf Deutsch aufschreiben lassen. „Ohne die Sprache des Landes zu sprechen, ist Erfolg unmöglich“, sagt er.

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„Guten Tag“, „Ja“, „Nein“ – Bido lernt
bereits die ersten deutschen Wörter

Für Bido könnte in Villach eine Odyssee des Wahnsinns enden. Seit Oktober 2011 ist er unterwegs. Einst hatte seine Familie in Damaskus ein schönes Haus. „Wir waren nicht reich, aber es hat uns an nichts gefehlt“, sagt er. Bis zu dem Tag, an dem eine Granate in seinem Elternhaus einschlug. Da wusste er:  hier hat er keine Zukunft. Hier gab es Krieg. Er wollte in Frieden leben. Also Europa.

Mit Geld von Verwandten machte er sich auf die Reise. In Flüchtlingscamps in Jordanien und dem Libanon erlebte er die Hölle. „Ich will über diese Zeit nicht mehr reden“, sagt er: „Das sind arabische Länder, roh und menschenfeindlich.“ Irgendwann brach er mit einem Freund aus einem der Wüstencamps aus, machte sich auf den Weg: „Was hatten wir zu verlieren?“

In der Türkei erging es Bido nur unwesentlich besser: „Die Flüchtlinge konnten dort zwar immer wieder einfache Jobs finden. Aber wir wurden deutlich schlechter als die Einheimischen bezahlt und das brachte die Menschen gegen uns auf: Wir waren plötzlich Billigkräfte, die ihnen die Arbeit wegnahmen.“

In Griechenland war er nur zwölf Tage, auf der Insel Lesbos. Die Menschen dort seien nett gewesen, aber zu tausenden seien die Flüchtlinge in Fabrikshallen gestopft worden, in denen es nur ein einziges Fenster gab. Bido wechselte vorübergehend die Seiten, ob seiner Englisch-Kenntnisse wurde er als Helfer im Camp eingesetzt. Für eine Fähre nach Athen hätte er schließlich 72 Euro gezahlt, sehr viel Geld. Aber die Aussicht  auf ein weiches Bett und eine warme Dusche sei zu verlockend gewesen.

In Mazedonien war Bido nur wenige Stunden. Mit Bussen sei er mit seinen Kollegen von einer Grenze zur anderen gebracht worden.

In Serbien mussten sie – wieder einmal – rund 20 Kilometer zu Fuß gehen. In der Nacht. „Es war sehr kalt, die meisten von uns haben sich erkältet. Ich auch“, sagt Bido. Bei einem Camp mussten sie dann wegen Formalitäten neun Stunden lang Schlange stehen, mit Schüttelfrost und Fieber. Eine Teil der Strecke zur ungarischen Grenze habe die über die Monate auf rund 30 Mitglieder angewachsene Gruppe mit Taxis zurückgelegt: „20 Minuten Fahrt für 100 Euro. Es kam beinahe zu Raufereien mit den Fahrern.“

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Bido zeichnet seinen Weg
von Serbien nach Ungarn auf

Überhaupt habe er ab Griechenland für alles zahlen müssen, deutlich mehr als Einheimische für die selbe Leistung: „Wenn eine Flasche Wasser für die umgerechnet einen Euro gekostet hat, dann hat man bei uns 3 Euro verlangt. Österreich ist das erste Land, in dem man uns Dinge schenkt.“ Andererseits habe er auch überaus hilfsbereite Menschen kennengelernt. Ein serbischer Busfahrer habe seine Kompetenzen weit überschritten und sie möglichst nahe an die ungarische Grenze gebracht. „Das war ein guter Mann“, sagt Bido.

In Ungarn gab es einen Tag lang keinen Schlaf und fast nichts zu essen. „Sie steckten uns einen Klumpfen Brot, eine kleine Wasserflasche und etwas Undefinierbares zu. Wenn Menschen völlig ausgehungert sind und trotzdem 90 Prozent das Essen verweigern, kann man sich vorstellen, was für ein Fraß das war.“ Statt Nahrung bekamen die Flüchtlinge Registrierungs-Armbänder. Bido hat seines aufbewahrt. Als Erinnerung.

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Solche Identifizierungbänder
erhielten die Flüchtlinge in Ungarn

Und dann Österreich. „Ihr habt uns von Anfang an wie Menschen behandelt. Als erste überhaupt“, sagt Bido: „Meine Freunde sind gestern von Villach nach Deutschland weitergereist. Sie haben gesagt: Komm mit, Deutschland ist das beste Land. Aber ich habe ihnen nur nachgewunken und gesagt: Hier bringt mich niemand mehr weg. Dieses Land ist der Himmel.“

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Heute sind die Flüchtlinge zu mir gekommen

Bisher war man in Villach ja in einer bequemen Position. Die Flüchtlings-Problematik hatte Kärnten kaum erfasst. Man weinte, so man zur Empathie fähig ist, maximal über Ungarn. Oder über Nickelsdorf.

Heute, Montag, endete diese Distanz-Betroffenheit. Plötzlich hieß es: bis zu 600 Flüchtlinge sind im Bus von Wien nach Villach unterwegs. Sie werden im Stadtteil Seebach in großen Garagen untergebracht. Und damit zu meinen Nachbarn. Ich lebe – Luftlinie – 500 Meter entfernt. Aber dazu später.

Zunächst galt es, die Druckmaschinen anzuhalten. Die Villach-Ausgabe der Kärntner WOCHE war eigentlich schon fertig, die 64 Seiten im Belichtungsmodus. Aber ohne die Flüchtlingsstory erscheinen? Eben.

Ich aktiviere meine Kontakte im Magistrat und in der Landesregierung, die spärlichen Erstinformationen verdichten sich zu einer wasserdichten Story. Online first, Artikel raus, schneller als die Kollegen. Überraschend, schließlich bin ich eine One-Man-Show.

Dann Print. Titelseite neu, Doppelseite neu, Kommentar neu. Ich funktioniere wie in alten Tageszeitungs-Zeiten. Gut zu wissen.

Schließlich ab zu den Garagen am anderen Ende der Stadt. Eindrücke sammeln, Bilder machen. Es regnet. Der ORF ist schon da, sonst keine Journalisten. Ich fotografiere, bediene Twitter. Hunderte Flüchtlinge – Männer, Frauen, Kinder, Babys. Was die freiwilligen Helfer von Rotkreuz und Feuerwehr geschafft haben, verdient Respekt: Von der Erstinfo bis zum Eintreffen der Flüchtlinge waren es nicht einmal drei Stunden. Dennoch wurde eine Halle gefunden, ausgeräumt, gereinigt und mit hunderten Feldbetten bestückt. Ärzte waren da; die gerade erst wenige Tage zuvor erfolgte Gründung eines syrischen Kulturvereins in Villach macht sich bereits bezahlt: 15 Dolmetscher stehen zur Verfügung. Dann kommen die Flüchtlinge in den Bussen.

Alles läuft extrem koordiniert und ruhig ab. Essen, Getränke, Kleidung, WC-Papier, Binden – es fehlt an nichts. Außer Zigaretten und WLAN. Aber auch das wird noch kommen. Apropos noch kommen: Was nun bevorsteht, weiß keiner. Weder Landeshauptmann Peter Kaiser, noch Villachs Bürgermeister Günther Albel haben eine Ahnung, wie lange die Flüchtlinge in Villach bleiben sollen. Zumindest Albel schien aber Vorbereitungen getroffen zu haben. Erst vor einer Woche gab es eine Sitzung mit den Chefs aller Hilfsorganisationen mit der zentralen Frage, was man für den Fall der Fälle tun müsste. Auch die Garagen waren vorab gecheckt. Der Unternehmer hatte sie – für Notfälle – der Stadt angeboten.

Ein junger Afghane (25?) spricht mich an. Wo er hier eigentlich sei. Wie weit es nach Deutschland sei. Oder nach Frankreich. Dort hätte er einen Bruder. Als ich ihm sage, dass sich die Garagen nur einen Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt befinden, mit direkter Zugverbindung nach Deutschland, erhellt sich seine Miene. Ich sage ihm, dass er damit rechnen muss, dass ihn weder in Deutschland noch in Frankreich irgendwer mit offenen Armen empfangen wird. Er versteht nicht. Ich sage ihm, dass hunderttausende Flüchtlinge vor ihm nach Deutschland gelangt wären. Er scheint das nicht gewusst zu haben. Er wirkt verzweifelt. Ob ihm etwas fehle, frage ich. Ja, Zigaretten, sagt er. Ich verspreche, mit Zigaretten zurückzukommen. Ich lasse mich zu einem Automaten fahren. Erstmals in meinem Leben schlage ich mich mit so einem Zigarettenautomat herum. Was für eine Trottel-Erfindung! Drei Packungen Camel, das muss reichen. Ich fahre zurück, mein Freund wartet auf mich, er reißt eine Packung auf und steckt sich eine Zigarette an. Ob Frankreich oder Deutschland besser sei, will er wissen. Ich habe keine Ahnung.

Er erzählt mir von seiner Flucht-Route: Über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn ist er nach Österreich gekommen. Seit zwei Monaten ist er unterwegs. In seiner Heimat, in Afghanistan, könne man nicht mehr leben: „Die Taliban sind verrückt.“ Im Iran und in Bulgarien sei er von der Polizei geschlagen worden, in Österreich werde er am besten behandelt. Dann muss er in den Bus, denn die Afghanen werden ein paar hundert Meter weiter in ein anderes Quartier gebracht. Getrennt von den Syrern. „Besser so“, sagt ein Dolmetscher.

Ich gehe im Regen nach Hause. Es sind nur ein paar Minuten zu Fuß. Ich bin völlig durchnässt, ich habe meinen Schirm verloren, mein linkes Bein schmerzt wieder einmal. Aber das ist alles egal. Denn das Entscheidende ist: ich gehe NACH HAUSE.