Über Irrtümer zum Journalistenalltag

Am Anfang steht ein Text von Silvia Jelincic, der Gründerin des Meinungsportals „fischundfleisch“. Es geht darin um einiges – auch um junge Journalisten. Jelincic zitiert einen nicht näher genannten Lehrbeauftragten im Journalistenbereich mit den Satz: „Die Wenigsten zeigen Eifer.“ Es folgen Ratschläge an den Nachwuchs: „Geht raus auf die Straße! Macht Euch Termine, trefft zB Aufsichtsräte interessanter Firmen und Politiker, so stößt ihr bestimmt auf gute Geschichten!“

Ich habe keine Ahnung, wie es pauschal um den heimischen Journalisten-Nachwuchs steht, habe aber immer wieder sehr engagierte junge Kollegen und Kolleginnen getroffen. Kollektive Faulheit wäre mir nicht aufgefallen. Andererseits: Was weiß man, mit dem der Herr Professor im Alltag zu tun hat.

Ich finde bei Jelincic keinen Hinweis darauf, dass sich die Kritik vor allem an Online-Redakteure richtet. Iwona Wisniewska von derstandard.at – die ich wie Jelincic nur von Twitter kenne (und als kritischen Geist schätze) – nahm ihn aber zum Anlass, um auf ihrem Blog zu replizieren. Mit der Begründung, dass Jelincic „natürlich“ hauptsächlich Online-Journalisten meine, „denn der kleinste Teil des Nachwuchses geht in einen Job, in dem (nur) Print gemacht wird heutzutage“. Ein nachvollziehbarer Schluss, wie ich meine.

Doch so wie Wisniewska Jelincic mangelnde Kenntnisse des Arbeitsalltages von Online-Redakteuren vorwirft, möchte ich auf Defizite der Wisniewska-Überlegungen zur Arbeit im Print-Bereich hinweisen. Die beschriebenen paradiesischen Zustände mit Kaffeepausen, massiv Zeit zum Recherchieren und mit Layoutern, die sich um den lästigen Teil der Arbeit kümmern, sind fast nur noch bei jenen Medien zu finden, die ohne Presseförderung noch schlechter dastünden als es ohnedies der Fall ist.

Der überwiegende Teil der Print-Redakteure ist längst bei einem weit intensiveren Arbeitsalltag angekommen, der meinem nicht unähnlich ist.

Zur Erklärung: Ich arbeite als Redaktionsleiter des Villach-Büros der RMA. Netto habe ich mich um rund 20 Seiten pro Woche zu kümmern. Ich schreibe einen relevanten Teil der Storys selbst,
* lektoriere alle anderen,
* kümmere mich um einen Großteil der Layouts,
* fertige oder suche die meisten Bilder,
* bediene neben der Printarbeit auch die Villach-Seite der RMA-Homepage,
* stelle nicht nur die Print-Artikel online, sondern auch Berichte, die ausschließlich digital erscheinen,
* fertige von kurzen Printartikeln längere Online-Versionen (Reportagen),
* erledige die Arbeit der Facebook-Seite,
* verlinke und teasere auf Twitter,
* kümmere mich um Leser-Feedback (Postings),
* organisiere bei Bedarf (wie jetzt, vor der Kärntner Gemeinderatswahl) Podiumdiskussionen und
* versuche, die meisten meiner Quellen und Informanten, ganz die alte Schule, nicht telefonisch anzuzapfen, sondern sie persönlich zu treffen.

Es gibt Wochen, da schreibe ich unter diesen Umständen für Print nur sechs größere Geschichten, es können aber auch einmal 15 sein. Nicht alles davon ist von nennenswerter Qualität, aber der Anteil der Exklusivstorys, der mir als alter Printesel wichtig ist, scheint mir nicht so übel zu sein. Ein paar Coverstorys:

Bildschirmfoto 2015-02-20 um 23.21.17

Worauf ich hinaus will. Sowohl Print als auch Online wird in Österreich großteils unter herausfordernden Umständen gearbeitet. Und in immer mehr Redaktionen wachsen die einst streng getrennten Bereiche derzeit zusammen. Je mehr Irrtümer wir ausräumen, desto  einfacher wird die Fusion.

Advertisements

Über kofi2go

Gestatten, Kofler. Herr Kofler. Vater, Ehemann, Lohnschreiber am Ende der Welt. Manchmal passieren Dinge, dann wieder nicht.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Über Irrtümer zum Journalistenalltag

  1. Pingback: Peinliches Medien-Hickhack | ivy.at

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s