Entwertung einer Branche

Im April 1997 erhielt ich, nach Jahren als freier Journalist, meine erste Anstellung. Bei der Kleinen Zeitung. Einstufung laut Kollektivvertrag: „Redakteur im 2. Jahr“. Das waren 25.373 Schilling brutto (1.843 Euro). Mit dem obligaten und voll bezahlten Sonntagsdienst stand immer ein 2er voran. Zweimal pro Jahr, wenn Urlaubs- oder Weihnachtsgeld und dazu je ein halbes 15. Gehalt überwiesen wurden, kratzte der Betrag, der vom Gehaltszettel lachte, an der 5.000-Euro-Marke.

Damit war man zwar nicht reich, aber es ließ sich doch Einiges machen. Zum Beispiel ein üppigerer Urlaub, auch Übersee. Und sogar über Auto oder Eigentumswohnung konnte man sich zumindest Gedanken machen. Es war nicht a priori sinnlos.

16 Jahre später haben sich Journalistengewerkschaft und Verleger nun auf einen neuen Kollektivvertrag geeinigt. Er wird Redakteure von Print- und Onlinemedien erstmals gleich behandeln. Gleich schlecht, um genau zu sein. Denn der von vielen Seiten (vor allem auf Twitter) als „wunderbar“, „überfällig“ und blabla bezeichnete Kompromiss besagt: Wer (um den Vergleich zu meinem Berufsanfang möglich zu machen) nach Jahren als „Freier Journalist“ ab Mitte 2013 einen Vertrag mit der Anstellungsstufe „Redakteur im 2. Jahr“ erhält, darf sich über 2.285 Euro brutto freuen. 14 mal. Denn das 15. Gehalt – einst Pauschalabgeltung für Überstunden – wurde nun gestrichen.

Hä?

Nimmt man meinen alten Vertrag von 1997 her und rechnet ihn anhand der offiziellen Inflationstabelle ins Jahr 2013 hoch, landet man bei monatlich 2.491 Euro. Der „KV alt“ zeigt in der Tariftabelle sogar 2.687 Euro an. Die Jahresgage reduziert sich fortan, gerundet, von 40.000 auf 32.000 Euro. „KV neu“ bringt also ein Minus von ungefähr 8.000 Euro. Schlagartig wurde der Wert journalistischer Arbeit am Papier um 20 Prozent reduziert.

Ja, ja, schon klar: Fast kein Journalist wurde zuletzt überhaupt noch nach den alten Kriterien angestellt. Und niemand verliert die Brutto-Summe. Aber ca 5.500 Euro netto bleiben picken. Jedes Jahr. Urlaub, Auto, Wohnung? Wohl eher Last-Minute-Wochenend-Trip, Öffis und Wohngemeinschaft.

Dass gerade viele Journalisten nicht des Geldes wegen arbeiten und Entlohnung durch Leidenschaft zu ersetzen bereit sind, ist bekannt. Faire Entlohnung – fast alle jungen Kollegen sind Akademiker und bringen zahlreiche Zusatzqualifikationen (alleine im technischen Bereich!) mit – kann man aber doch erwarten. Zumal die Verleger ja schon in den vergangenen Jahren die Branche systematisch und wissentlich sabotiert haben:

Zunächst wurden das Layout dezimiert oder überhaupt abgeschafft, dann das Lektorat. Und Fotografen sind auch eine aussterbende Gattung. All diese Jobs wurden, ohne Mehrentlohnung, auf die eierlegende Wollmilchsau vulgo Journalist abgewälzt. Falls im Printbereich tätig, sieht dessen Arbeitstag mittlerweile bei immer mehr Zeitungen so aus: Zuerst layoutiert er seine Seiten selbst, dann recherchiert und schreibt er, nebenbei werden Bilder geschossen und teils auch noch selbst druckfertig bearbeitet, am Ende lektoriert man sich – bestenfalls – gegenseitig.

Noch einmal fürs Protokoll: Layout, Text, Foto, Lektorat – das waren noch vor wenigen Jahren vier Berufe.
VIER BERUFE.
VIER GEHÄLTER.
Zeitungsjournalisten wurde also zuerst über die Jahre das Arbeitspensum verdoppelt und nun, quasi als Dank, das Einstiegsgehalt Richtung Edel-Prekariat reduziert.

Auch, dass fast alle Online-Redakteure mit der neuen Regelung besser dastehen als zuvor, sagt weniger über die Qualität des Kompromisses aus, als über die i digitalen Bereich noch spektakulärere Skrupellosigkeit der Branche. Das gesamte Online-Segment wurde seit den 1990er-Jahren auf Basis von Gesetzlosigkeit auf- und ausgebaut.

Korrekter Kollektivvertrag? Geh!

Überstundenregelungen? Ich bitte Sie!

Jährliche Vorrückungen? Wir müssen ja nicht gleich übertreiben.

Immerhin: mit diesem Digital-Irrsinn dürfte der neue KV endlich Schluss machen. Obwohl: Was weniger wäre möglich gewesen?

Halt, stop, Momenterl: hier muss ich mich korrigieren! Verlegern, die sich zuerst mit illegalen Arbeitsverträgen im Onlinebereich ihre eigene Dumpingkonkurrenz zu den Printmodellen aufgebaut haben – und die daraus resultierenden Gehaltsunterschiede dann als Begründung für die Einkommensreduktion der gesamten Branche hernehmen, wäre wohl noch Schlimmeres zuzutrauen gewesen.

PS: Ein Berufsanfänger von heute wird, verglichen mit meinem eingangs erwähnten Startgehalt von 1997, in seinen ersten 16 Berufsjahren rein mathematisch und Daumen mal Pi rund 150.000 Euro an Gehalt verlieren.

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Augenmaßlos

Ein junger Mann bewirbt sich beim ORF, ackert sich stundenlang durch ein Assessment-Center und erfährt nach ein paar Wochen, dass die Akademie, in die er aufgenommen werden wollte, überraschenderweise gar nicht zustande kommt. Da ist also etwas kräftig schiefgelaufen beim ORF. Der junge Mann ist frustriert. Und zornig. Er schreibt sich seinen Ärger in einem Blogeintrag von der Seele. Ein mittelmäßiger Text. Voller Selbstmitleid und mit teils dummen Argumenten. Vielleicht ein Schnellschuss. Dennoch: man kann Sympathie für den Schreiber aufbringen. Wer am Anfang seiner Journalistenkarriere steht, ist idealistisch und voller Tatendrang. Ablehnung, zumal eine derart kuriose, passt da nicht ins Konzept.

Die offensichtlichen Schwächen des Textes hindern den Standard nicht, ihn online zu publizieren. Auf einer der meistgelesenen Seiten Österreichs. Eine bemerkenswerte journalistische Fehlentscheidung. Wo bleibt die Verhältnismäßigkeit? Was hat ein Beleidigte-Leberwurst-Elaborat im ORF-Special des Standard zu suchen – zwischen brisanten Rechnungshofberichten und Stiftungsrat-Diskussionen?

In Wahrheit hätte man den jungen Mann mit Diskretion vor sich selbst schützen müssen. Doch der Standard entschied sich dafür, ihn lieber zu missbrauchen. Für ein bisserl ORF-Bashing. Wie es zu erwarten war, gerät der Schreiber in der folgenden Online-Diskussion ratzfatz zwischen alle Fronten – und dabei vor allem in die Schusslinie von ganz Großen der Branche: Denn sogar ORF-Anchorman Armin Wolf meint plötzlich, via Social Media den Heißsporn zurechtweisen zu müssen. Dass er ihm dabei, quasi nebenbei, vor 100.000 Facebook-Freunden und 75.000 Twitter-Followern, Beistrichfehler vorwirft, ist der Tiefpunkt einer Debatte, bei der am Ende die Routiniers noch mehr das Außenmaß verloren haben als der Anfänger. Und die mit etwas mehr Feingefühl beim Standard nie angefangen hätte.

Denn News-Wert hat das Ganze keinen: Dass die Ausbildung bei Österreichs Medien darniederliegt, dass die Bezahlung junger Journalisten beschämend ist, dass der Alltag der Berufsanfänger von Rückschlägen und Demütigungen gekennzeichnet ist, weiß man längst. Und auch, dass prominente, erfolgreiche und an sich gute Journalisten ab und an so richtig daneben hauen können.